Projekt Höhenangst #4

„Jetzt haben Sie gesagt, dass Sie auch einen Burnout hatten. Wie hat sich das denn geäußert?“

Der neue Patient winkte ab. „Ach, ich war eben so platt von dem ganzen Stress mit den Baustellen. Mir ging’s total beschissen, weil ich ja selbst wusste, dass es auf Dauer so nicht mit mir weitergehen kann. Und trotzdem wusste ich nicht, was ich machen soll. Ich war einfach total fertig und am Ende.“

Obwohl er das Thema offensichtlich vermeiden wollte, fragte Anna genauer nach. „Welche Beschwerden haben Sie denn konkret erlebt?“

Herr Dürenberg wurde rot und rieb sich verlegen die Hände. Anscheinend war ihm das Thema peinlich. „Ach, naja, meine Stimmung war halt total im Keller. Ich hatte überhaupt keine Energie für gar nichts mehr, wollte mir am liebsten den ganzen Tag die Decke über den Kopf ziehen und dachte, ich bin total nutzlos, der letzte Loser eben. Ich… Ich hab’… die ganze Zeit geheult und gedacht, es sei besser, ich mache dem allen ein Ende…“ Er schluckte schwer.

„Sie hatten Suizidgedanken?“ Anna fiel auf, dass er bisher gar nicht von Angehörigen, Familie oder einer Frau gesprochen hatte und dachte, dass er sich wohl mit seinen Problemen sehr einsam gefühlt haben musste.

„Ja“, bestätigte er und ergänzte hastig: „Aber das ist vorbei.“

„Wie konkret waren diese Gedanken denn? Hatten Sie Ideen, wie Sie sich das Leben nehmen wollten?“ beharrte Anna auf dem Thema.

„Nein. Dazu habe ich viel zu viel Angst vor dem Tod. Oder dem Sterben… Das war nur so im ersten Anflug, und dann sagte mein Hausarzt, ich solle es mal mit einer Verhaltenstherapie probieren, damit könnte ich vielleicht meine Höhenangst in den Griff bekommen. Und dann habe ich mich erinnert, dass meine Frau auch schon mal eine Therapie gemacht hatte, die ihr gut geholfen hat, und das hat mir neue Hoffnung gegeben, es selbst auch zu probieren.“

Also gibt es doch eine Frau, dachte Anna überrascht und griff das Thema auf. Es war immer gut, Ressourcen von Patienten zu finden.

„Ach, Sie sind verheiratet? Wie hat denn Ihre Frau auf die ganze Situation reagiert?“

Herr Dürenberg schüttelte den Kopf. „Wir sind getrennt, geschieden. Das ist schon ein paar Jahre her.“

Daher also die Einsamkeit, dachte Anna. Sie beschloss, das Thema seiner Ehe in einer der nächsten Sitzungen genauer zu explorieren, da sie den Eindruck hatte, dass das Gespräch heute für ihn bereits anstrengend genug war. Statt dessen setzte sie die typischen Fragen eines Erstgesprächs fort.

„Wie lange haben Sie das denn schon mit dieser Höhenangst? Wissen Sie noch, wann das zum ersten Mal bei Ihnen aufgetreten ist?“

„Ja, ich erinnere mich noch ganz genau.“ Die Stimme von Herrn Dürenberg klang auf einmal traurig, als er erzählte. „Die Ehe mit meiner Frau ging den Bach runter, Sie hat dann die Scheidung eingereicht, wissen Sie, ganz plötzlich, ich war gar nicht darauf vorbereitet. Mir ging es total schlecht damals damit, während ich den Eindruck hatte, dass sie regelrecht froh war, mich los zu sein. Ich habe das damals überhaupt nicht verstanden, habe immer wieder versucht, mit ihr zu reden, aber sie hat mich total abgeblockt. Und das nach zehn gemeinsamen Jahren! Es hat mir total den Boden unter den Füßen weggerissen.

Eines Tages war ich dann bei der Arbeit auf einem Baugerüst und so in Gedanken an meine Frau vertieft und daran, dass ich nicht fassen konnte, wie sie unsere Ehe einfach weggeschmissen hat. Und dann war ich nur für einen kurzen Moment unachtsam, bin mit dem Fuß irgendwo blöd hängen geblieben und gestolpert und konnte mich im letzten Moment noch wieder fangen und festhalten. Solche Sachen passieren, dafür gibt es ja auch diese Sicherheitsgitter und so weiter. Aber in dem Moment kam mir plötzlich der Gedanke in den Kopf geschossen, was passiert wäre, wenn es diese Gitter nicht gäbe, oder wenn ich noch blöder gestolpert und durch das Gitter gerutscht wäre. Diese ganze Fantasie eben, mit dem Fallen und dem Aufklatschen und so…

Wir haben damals hier im neuen Industriegebiet einen Bürokomplex gebaut, und ich war mit den Kollegen auf der Höhe der achten Etage unterwegs. Einen Sturz aus der Höhe hätte ich nicht überlebt. Und das alles nur wegen meiner Frau, wegen der ich so in meine Sorgen vertieft war.“ Verständnislos schüttelte er den Kopf.

„Sie waren wütend auf Ihre Frau?“, fragte Anna nun doch näher zu dem Thema nach.

„Ja, total“, bestätigte Herr Dürenberg, „ich war stinksauer! Erst behandelt sie mich so, und dann geht’s mit meiner Karriere auch noch so bergab wegen ihr.“ Verächtlich schnaubte er Luft aus seiner Nase und schüttelte erneut den Kopf.

„Wie lange ist das her, dass Sie diese Angst zum ersten Mal erlebt haben?“, explorierte Anna weiter.

„Zwei Jahre.“

Anna machte sich Notizen. „Das heißt, Sie haben das mittlerweile ganz schön lange mit sich herumgeschleppt? Oder haben Sie vorher schon mal probiert, das wieder loszuwerden?“

Herr Dürenberg schien wieder verlegen. „Naja, ich habe das anfangs nicht so ernst genommen und gedacht, das liegt an dem ganzen Stress mit der Trennung, das legt sich schon wieder. Aber leider lag ich da falsch, und statt dessen ist es nur schlimmer geworden. Bis an den Punkt, dass ich meinen Job nicht mehr richtig machen konnte wie vorher.“

Die fünfzig Minuten des Erstgesprächs neigten sich langsam dem Ende zu. Und da Anna wusste, dass es für Patienten eine überaus anstrengende Situation darstellte, wollte sie das Gespräch auf einen positiven, hoffnungsvollen Abschluss lenken.

„Sagen wir mal, wir entschließen uns, zusammen eine Therapie zu machen, und die Therapie ist irgendwann vorbei und war erfolgreich. Was wäre dann anders als heute? Was müsste in der Zwischenzeit passiert sein?“

„Ich möchte wieder angstfrei auf Baugerüste gehen und ganz normal meinen Job machen können“, schoss ohne zu zögern als Antwort hervor. „Mir gehen so viele spannende Projekte durch die Lappen, und ich will nicht nur der Handlanger von irgendwelchen Kollegen sein, die sonst mir zugearbeitet haben.“

„Und was ist Ihre Vorstellung beziehungsweise Ihr Wunsch, wie ich Ihnen dabei helfen kann?“ Anna hielt ihren Stift bereit in ihrer Hand, um die Antwort ihres Patienten aufzuschreiben. Diese Frage war für die meisten Patienten eine recht schwierige, da sie ohne therapeutische Vorerfahrung oft kaum Ideen darüber hatten, wie das Ganze denn praktisch überhaupt von Statten gehen sollte.

„Tja“, Herr Dürenberg zögerte, „ich weiß auch nicht so ganz. Mein Hausarzt sagte, man bekommt dann Tipps, wie man seine Angst in den Griff bekommt, und dass Sie mir eventuell sogar ganz praktisch helfen, Übungen zu machen. Und meine Frau hat damals mit ihrer Therapeutin einfach viel über alles geredet und Denkanstöße und Tipps bekommen, was sie tun konnte, damit es ihr wieder besser ging. Das würde ich mir hier jetzt auch erhoffen.“ Erwartungsvoll schaute er nun seine neue Therapeutin an.

Anna nickte. Sie klärte ihren neuen Patienten darüber auf, wie eine ambulante Psychotherapie überhaupt funktionierte, wie die Bezahlung, Terminvereinbarung, Gestaltung der Sitzungen ablief, ebenso über ihre Schweigepflicht, mögliche Nebenwirkungen – auch eine Psychotherapie konnte unerwünschte Wirkungen zeigen – und alternative Behandlungsmöglichkeiten. Herr Dürenberg sollte sich in Ruhe überlegen können, ob diese Art von Therapie das richtige Angebot für ihn darstellte.

Außerdem drückte sie ihm – typisch für Psychologen – einen Stapel Fragebögen zu seinen Ängsten und auch zum Thema Burnout beziehungsweise Depression in die Hand mit der Bitte, sie bis zur nächsten Sitzung auszufüllen. Damit wollte sie, zusätzlich zu ihrem subjektiven klinischen Eindruck, wichtige Informationen über seine Gesundheit und mögliche Zusammenhänge mit seinen Lebensumständen und Verhaltensgewohnheiten erfragen und quantifizieren. Als Psychologin war Anna es gewohnt, ihre eigene Wahrnehmung stets kritisch zu reflektieren.

Dann fragte sie: „Wie war dieses erste Gespräch für Sie?“

Herr Dürenberg hatte offenbar nicht damit gerechnet, so schnell um eine Rückmeldung gebeten zu werden und stutzte für einen Moment, dann sagte er: „Hm, ja, war gar nicht so schlimm, wie ich dachte.“

„Wie meinen Sie das? Was hatten Sie denn gedacht, was hier passieren würde?“ Patienten hatten, wie gesagt, die abstrusesten Fantasien darüber, wie der Besuch bei einem Therapeuten aussehen würde.

„Naja, ich hatte schon Sorge, dass ich vielleicht nicht so ganz ernst genommen werde, wissen Sie. Ich dachte, das, was ich habe, ist doch bestimmt pillepalle im Vergleich zu den Sorgen und Nöten anderer Leute, die vielleicht vergewaltigt oder überfallen worden sind, oder im Krieg traumatisiert oder so.“

Anna hob die Augenbrauen. „Sie dachten, Sie seien vielleicht nicht krank genug, um hierher zu kommen?“

„Ja, genau“, bestätigte Herr Dürenberg nickend. „Ich wollte niemandem den Platz hier wegnehmen, der das dringender braucht als ich, wo doch die Wartelisten schon so lang sind.“

In Gedanken machte Anna sich eine Notiz. Sie kannte das gut, wenn Patienten eher schlecht in der Lage waren, sich um sich selbst zu kümmern. Mangelnde Selbstfürsorge.

„Aber“, fuhr er fort, „nach dem Gespräch mit Ihnen bin ich froh, dass Sie mir zugehört und mich ernst genommen haben. Ich kann es mir praktisch zwar immer noch nicht so ganz vorstellen, was wir machen können, damit es mir besser geht, aber ich habe die Hoffnung, dass mein Arzt Recht hatte, und dass mir diese Therapie helfen kann.“

Anna freute sich. Auch für sie war es jedes Mal eine Erleichterung, wenn ein Erstgespräch mit einem neuen Patienten positiv verlaufen war. Schließlich konnte man nie wissen, wer sich hinter dem fremden Menschen verbarg, der den Weg zur ihr suchte und irgendwann Einlass in die Privatsphäre ihres sonst so verschlossenen Therapiezimmers erhielt. Meistens mochte sie ihre Patienten auf Anhieb, aber manchmal hatte sie es auch mit Leuten zu tun, denen sie lieber nicht begegnet wäre.

Herr Dürenberg schien keiner von der Sorte zu sein, im Gegenteil. Er machte einen durchweg sympathischen Eindruck, und Anna konnte sich gut vorstellen, mit ihm zusammen zu arbeiten. In einer Psychotherapie war das eine überaus wichtige Voraussetzung, so dass sie ihm einen neuen Termin anbot. Herr Dürenberg nahm ihn an, und sie verabredeten sich für den nächsten Mittwoch um siebzehn Uhr.

 

Neugierig, wie es weitergeht?

Lies‘ hier weiter!

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