Projekt Höhenangst #3

„Ich habe Höhenangst, ganz plötzlich. Vorher hatte ich nie ein Problem damit, und auf einmal kam das so. Wissen Sie, ich bin Bauingenieur und muss beruflich immer mal wieder auf Baustellen. Wir machen viel Industriegebäude, also keine Einfamilienhäuser, sondern wirklich hohe Gebäude. Und dazu gehört, dass ich mir das natürlich auch vor Ort ansehe, dass ich mit in die Rohbauten gehe, wo noch keine Fenster drin sind, dass ich auf Gerüsten herumklettern muss und so weiter. Ich muss also schauen, dass die Bauarbeiter vor Ort das alles so machen, wie wir das geplant und berechnet haben, und dafür muss ich eben auch dahin. Und das kann ich nicht mehr.“

„Hmmm“, machte Anna, kritzelte eilig die aufgenommenen Informationen auf den Block, der auf ihrem Schoß lag, und fuhr fort: „Was heißt das genau, Sie können da nicht mehr hin?“

„Nun, ich kann es eben nicht mehr. Es geht nicht. In mir ist dann so etwas wie eine Sperre, die mich hindert und blockiert.“

„Und wie äußert sich das, wenn dann diese Sperre kommt?“, explorierte Anna weiter.

„Das ist dann ganz schlimm“, erklärte Herr Dürenberg, schüttelte entsetzt den Kopf und fasste sich mit einer Hand ans Herz. „Ich kriege dann so ein Herzrasen, dass ich denke, mir wird schwindelig und ich kippe gleich um. Ich kriege keine Luft mehr, alles schnürt sich zu und ich sehe plötzlich alles verschwommen, so dass ich das Gefühl habe zu taumeln. Und dann denke ich, ich verliere die Kontrolle über mich und stürze da runter, in die Tiefe. Das Geländer vom Gerüst bricht und hält mich nicht mehr aus. Oder ich mache einen falschen Schritt und trete ins Leere, ins Bodenlose. Und dann sehe ich vor meinem inneren Auge nur noch, wie ich von dem Gebäude oder dem Gerüst segele, wie ich falle, ohne dass ich was dagegen tun kann, und wie ich unten auf dem Boden aufschlage. Wie es klatscht, wie mir alle Knochen brechen, wie das Blut aus mir strömt, eben das Leben, und wenn ich unten bin, bin ich unvermeidlich tot.“

Schon bei der Erzählung war der Patient völlig außer Atem und blickte Anna schließlich mit weit aufgerissenen Augen an, schockiert über seine eigenen Fantasien. Er schauderte regelrecht. Er tat ihr leid, und sie nahm seine Worte empathisch nickend in sich auf.

„Und was tun Sie dann, wenn Sie das erleben und diese Bilder hochkommen?“

Herr Dürenberg ließ sich erschöpft nach hinten in seinen Sessel sinken, bevor er antwortete, stieß hörbar den Atem aus, den er offensichtlich angehalten hatte, und sagte: „Tja, dann kann ich nicht mehr viel machen. Ich will dann nur noch da runter, erfinde irgendeine Ausrede, dass ich schnell irgendwo anders hin muss und verpiesele mich. Ich renne dann regelrecht runter und nach draußen, bis ich das Gefühl habe, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Wo ich sicher stehen kann, und wo ich nicht herunterfallen kann. Und dann bin ich meistens so platt, dass ich direkt nach Hause fahre und mich für den Rest des Tages krank melde.“ Beschämt schaute er zur Seite.

„Also, das schränkt Sie richtig ein?“, fragte Anna.

Er nickte.

„Puh“, machte sie, um seine Anstrengung zu spiegeln. „Wie ist das grade für Sie, dass so zu erzählen?“ Mit dieser Frage wollte sie würdigen, dass das eben keine Selbstverständlichkeit war.

„Schlimm“, gab er offen zu. „Alleine das zu erzählen holt diese Bilder in mir hoch, das ist echt schlimm. Das wirkt dann so real. Dass Ihre Praxis in der zweiten Etage liegt, ist für mich mittlerweile noch grade so erträglich.“

„Also treten diese Symptome auch in anderen hohen Gebäuden auf, nicht nur auf den Baustellen?“

„Genau, das hat sich mittlerweile regelrecht verselbstständigt. Das ging so weit, dass ich generell nicht mehr in hohe Gebäude gehen konnte, beziehungsweise dann nicht mehr nah am Fenster stehen wollte, dass ich auf keine Balkone mehr gegangen bin und so weiter.“

„Wie sind Sie denn dann damit umgegangen?“, fragte Anna weiter. Es war wichtig für sie, mehr über seine bisherigen Bewältigungsversuche zu erfahren. Denn das gab Aufschluss darüber, warum Symptome sich verbesserten oder verschlimmerten.

„Am Anfang habe ich, wie gesagt, die Situationen möglichst schnell wieder verlassen, bis mir irgendwann schon im Vorhinein klar war, dass das so kommen wird mit der Angst, wenn ich auf eine Baustelle muss. Also habe ich vorher schon nach Ausreden gesucht, um an dem Tag nicht dort hingehen zu müssen, habe Termine aufgeschoben, bis es nicht mehr ging und mich letztendlich immer häufiger krankgemeldet, um zu vermeiden, dass ich auf die Baustellen muss. Nach ein paar Monaten war dieses Muster auch für meine Kollegen und Vorgesetzten nicht mehr zu übersehen und mehr als eine Aneinanderreihung von Zufällen, so dass mein direkter Vorgesetzter, mein Chef, also mein Abteilungsleiter mich dann zum Gespräch gebeten hat.

Er hat mich so darauf festgenagelt, dass ich seit geraumer Zeit keine Außentermine mehr wahrnehme oder vorzeitig abbreche, so dass die Kooperationsfirmen schon über mich reden, dass ich mir keine Ausrede mehr dafür ausdenken konnte und ehrlich zu ihm war. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht mehr auf die Gerüste und hohen Gebäude gehen kann, dass mir dann schwindelig wird, und dass mich das selbst auch total mitnimmt.

Über den ganzen Stress hatte ich einen regelrechten Burnout bekommen, so dass mein Hausarzt mich erst einmal zwei Monate krankgeschrieben hat, damit ich mich erholen konnte. Das hat dann auch ein bisschen geholfen, und seit drei Monaten gehe ich jetzt sogar wieder arbeiten.“

Anna hakte erstaunt ein: „Ach, heißt das, Sie gehen auch wieder auf die Baustellen?“

„Ne“, antwortete Herr Dürenberg, „ich mache nur noch Schreibtischarbeit. Mein Chef hat mich vorerst völlig aus dem Kundenkontakt herausgezogen. Er meinte, ich sei dafür nicht mehr tragbar, womit er ja auch völlig recht hat. Die Baufirmen hatten sich wohl über mich beschwert, dass ich unzuverlässig sei und Termine platzen lasse, was ja stimmt. Ich bin ja immer entweder abgehauen oder gar nicht erst hingegangen, wodurch die ganzen Prozesse sich verschoben haben, und das kostet irgendwann einfach eine Menge Geld, wissen Sie. Jetzt habe ich also keine eigenen Projekte mehr wie vorher, sondern arbeite meinen Kollegen zu.“ Ein Ausdruck von Scham machte sich auf seinem Gesicht breit, als er ergänzte: „Immerhin kann ich weiter da arbeiten und wurde nicht gefeuert, auch wenn es schon demütigend ist, dass ich da jetzt nicht mehr wirklich für voll genommen werde.“

Anna nickte verständnisvoll.

Weiterlesen… Kapitel #4

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