Projekt Höhenangst #5

Nachdem der neue Patient die Praxis wieder verlassen hatte, sortierte Anna ihre Unterlagen für seine Akte, die sie neu angelegt hatte, ergänzte noch ein, zwei Gedanken über ihn in den Notizen, die sie während der Sitzung gemacht hatte, und bereitete die Unterlagen für die nächste Sitzung mit ihm vor. So musste sie dann vor dem nächsten Termin nur noch einen kurzen Blick in seine Akte werfen, sich die entsprechenden Unterlagen schnappen und konnte loslegen.

Eine Psychotherapie bestand immer aus unheimlich viel Bürokratie und Papierkram, zumindest am Anfang. Es mussten Formulare ausgefüllt, der Hausarzt erneut aufgesucht und Stunden bei der Krankenkasse beantragt werden, damit es inhaltlich endlich losgehen konnte.

Anna und ihre Kolleginnen fanden es fürchterlich, wie groß die Hürden waren, damit eine Leistung, auf welche die meisten Patienten seit Monaten mit Leidensdruck warteten, in Anspruch genommen werden konnte. Und auch wenn sich im Gesundheitssystem immer mal wieder etwas tat und Reformen stattfanden, verbesserten diese die Situation oftmals nicht wirklich oder machten sie nur noch schlimmer.

Die Psychotherapeutinnen in Annas Kollegenkreis fragten sich häufig, wer sich diese sicherlich gut gemeinten Regelungen ausdachte, die letztendlich doch immer wieder völlig an der Alltagsrealität der Praktikabilität vorbeiliefen.

Nun gut, Herr Dürenberg hatte einen Platz bekommen und schien mit seinem Anliegen für eine Verhaltenstherapie perfekt geeignet zu sein. Immerhin hatte er nicht Monatelang umsonst mit der Warterei auf einen Therapieplatz verbracht, und sein Hausarzt hatte ihn offenbar gut beraten.

Eine Konfrontationstherapie bei einer Angststörung war so ziemlich das klassischste, was ein Verhaltenstherapeut im Rahmen seines Berufes durchführen konnte. Dabei würde es zunächst darum gehen, gemeinsam mit dem Patienten ein Modell seiner Störung zu erarbeiten.

Das hieß, er sollte der Experte seines eigenen Empfindens und Verhaltens werden und genau verstehen, warum er wann, wo, unter welchen Bedingungen eben genau diese Symptome entwickelte, wie er sie verschlimmerte und aufrechterhielt, und natürlich wie er sie dauerhaft und nachhaltig verringern konnte. Symptommanagement sozusagen.

Der Patient sollte verstehen, was er tun konnte, damit die Angst wieder verschwand, beziehungsweise damit er sich wieder in die gefürchteten Situationen begeben konnte. Psychoedukation nannte man das, Ausbildung von Wissen um die Mechanismen und Zusammenhänge der menschlichen Psyche mit dem eigenen Erleben und Verhalten.

Ängste bildeten sich tatsächlich häufig zufällig aus, so wie bei Herrn Dürenberg eben auch. Jemand stand vielleicht unter großem Stress und unter starker Anspannung, weil in seinem Leben grade eine schwierige Situation herrschte, was natürlicherweise mit genau den körperlichen Reaktionen einherging, die er erlebt hatte. Interpretierte man diese Symptome auf eine bestimmte Weise, zum Beispiel als gefährlich, unkontrollierbar oder beängstigend, konnten sich das Ganze bis hin zur Panikattacke steigern.

Herr Dürenberg hatte sich offenbar derart über sein Stolpern auf dem Baugerüst erschrocken, so dass es als Auslöser gereicht hatte, um ihn in Panik zu versetzen und seine Fantasie aus dem Ruder laufen zu lassen. Also interpretierte er fortan eine Situation, in die er sich in seinem Berufsleben wahrscheinlich bereits hunderte Male entspannt und unbekümmert begeben hatte, als lebensgefährlich, was bei weiteren Gerüstbesuchen und auch schon vorher natürlich erneut Angst auslöste.

Da er, wenn die Angst auftrat, die Situation nun immer so schnell wie möglich verließ oder von vornherein vermied, blieb die Angst aufrechterhalten. Denn er „lernte“, dass seine Angst verschwand, wenn er die Situation verließ oder vermied, und dass seine Befürchtung, er könne vom Gerüst stürzen und sterben, nur nicht eintrat, weil er sich gar nicht erst in die Gefahr begab. Und nicht, weil das Gerüst vielleicht gut abgesichert war oder so.

Und da er die Angst „weghaben“ wollte und sich nicht anders zu helfen wusste, bediente er sich der Vermeidung der gefürchteten Situation, des Auslösers, als Mittel zum Zweck zur Angstreduktion. Was kurzfristig vielleicht half, langfristig diesen Teufelskreis jedoch nicht durchbrach, sondern sogar auf weitere Situationen ausweitete.

Das Ziel der Therapie bestand also darin, sich mit der gefürchteten Situation zu konfrontieren, also auf das Baugerüst zu gehen und zu lernen, dass die Angst wieder abnehmen würde, obwohl er auf dem Gerüst verblieb, und nicht durch das vorzeitige Verlassen der Situation. Herr Dürenberg musste seinem Gehirn quasi beibringen, das Baugerüst nicht mehr mit der Angst zu verknüpfen, indem er sich wieder daran gewöhnte, dort zu seien.

Durch diese sogenannte Habituation flauten die körperlichen Symptome der Panik im Laufe der Zeit wieder ab, und der Patient konnte die Erfahrung machen, dass seine schlimmste Befürchtung („Ich bin in Gefahr und werde sterben“) eben im Normalfall nicht eintrat.

Wenn der Patient nun also verstand, was da warum und in welcher Erscheinungsform bei ihm passierte, würde der nächste Schritt sein, sich von der Theorie in die Praxis zu begeben und eine solche Konfrontationsübung vorzubereiten. Dabei würden er und seine Therapeutin auf kognitiver, also gedanklicher Ebene an seinen Annahmen und Interpretationen über die Gefährlichkeit der Situation arbeiten.

Wie gefährlich war die Situation wirklich? Wie realistisch war es denn, dass Herr Dürenberg vom Gerüst fiel? Selbst wenn er stolperte, bedeutete es direkt das Schlimmste, oder gab es für solche Fälle Sicherheitsvorkehrungen?

Für wie wahrscheinlich hielt er es, vom Gerüst zu stürzen und zu sterben, während er sich in der Situation auf dem Gerüst befand und akute Panik erlebte? Für wie wahrscheinlich hielt er es verglichen dazu jetzt und hier, in diesem Moment, im sicheren Therapiezimmer, während er rationaler darüber nachdachte?

Gab es Statistiken darüber, wie häufig es tatsächlich vorkam, dass Bauarbeiter und Ingenieure von Baugerüsten fielen? Wie groß war also die Wahrscheinlichkeit, dass seine Befürchtung eintrat? Und hatte er ausreichend Veränderungsmotivation, um sich dennoch real mit der angstauslösenden Situation zu konfrontieren?

Auch Anna wollte sich nicht in gefährliche Situationen begeben. Auch sie wollte nicht sterben und sich mit Sicherheit nicht unnötigen Gefahren aussetzen. Aber es war häufig der Fall – und auch ein aufrechterhaltender Faktor für die Angst –, dass die Gefahr einer Situation völlig überschätzt wurde.

Man war niemals zu einhundert Prozent sicher, und an jeder Angst war auch in irgendeiner Form etwas dran, sonst bräuchte man sich ja nicht zu fürchten. Wer in Höhen kletterte, konnte abstürzen, ganz klar. Das lag in der Natur der Sache.

Aber es galt immer, Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Was wog für den einzelnen schwerer? Seinen Beruf als Bauingenieur ausüben zu können und sich dabei einem Restrisiko auszusetzen, dass etwas schiefging? Oder sich in einhundertprozentiger Sicherheit zu wiegen, sich allerdings dafür beruflich einzuschränken oder gegebenenfalls gar nicht mehr das Haus zu verlassen?

Anna hatte schon Patienten erlebt, die in ihrem Alltag derart eingeschränkt waren, weil sie sich fast nur noch zuhause einigelten. Dort, wo angeblich nichts Gefährliches passieren konnte. Dort, wo sie sich in Sicherheit wähnten. Paradox, dachte sie, was einem das Gehirn so vorgaukelt, wenn man bedenkt, dass doch die meisten Unfälle im Haushalt passieren.

War die Phobie, in diesem Falle die Höhenangst, besonders stark ausgeprägt, und benötigte der Patient Unterstützung, würde Anna ihn bei den ersten Übungen auf dem Baugerüst begleiten. Oft dauerten solche „Outdoor“-Therapiesitzungen mehrere Stunden am Stück und waren sowohl für den Patienten als auch für den Therapeuten anstrengend.

Doch der Aufwand lohnte sich, denn im Normalfall klappte die Habituation gut, und die Patienten erlebten einen riesigen Erfolg und Motivationsschub, um in der nächsten Zeit eigenständig zu üben und die Ergebnisse zu festigen. Es war schon erstaunlich, was diese Übungen an Therapiefortschritt ausmachten.

Sie legte zu den formellen Unterlagen zur Beantragung der Therapie ebenso Materialien mit Informationen zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Ängsten, die sie mit ihrem Patienten im Laufe der Sitzungen besprechen wollte. Anna klappte die Akte zu. Sie war gespannt, ob die Höhenangst tatsächlich das einzige Thema in der Therapie sein würde, oder ob sich noch andere, für ihn wichtige Themenfelder auftaten, die mit seiner Angst und seinem Burnout in Verbindung standen.

Hier geht’s weiter zu Kapitel #6!

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Ein Kommentar zu „Projekt Höhenangst #5

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