Projekt Höhenangst #2

„Herr Dürenberg?“

Es war Mittwoch, siebzehn Uhr, und Anna streckte neugierig ihren Kopf ins Wartezimmer ihrer Praxis. Sie hatte gehört, dass jemand geklingelt hatte und hereingekommen war, und tatsächlich saß ein attraktiver, gut gekleideter und nett aussehender Mann um die vierzig auf einem der Stühle und blätterte in einer Zeitschrift. Gleichzeitig erschrocken und erwartungsvoll schaute er zu ihr auf.

„Ja?“

„Hallo, mein Name ist Trebor. Wir haben einen Termin für jetzt ausgemacht. Wenn Sie mögen, können wir in mein Büro gehen und starten.“ Anna ging noch einen Schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

Herr Dürenberg sprang auf, legte eilig die Zeitung weg und erwiderte den Handschlag. „Hallo, ja gerne.“

Patienten waren häufig sehr aufgeregt vor dem ersten Gespräch mit einer Psychotherapeutin. Oft hatten sie zwar von anderen Menschen in ihrem Umfeld gehört, wie es war, eine Therapie zu machen oder hatten in den Medien etwas darüber gesehen und machten sich ihre eigenen Fantasien dazu. Doch letztendlich stellte eine Therapie immer eine überaus persönliche und individuelle Erfahrung dar, die von der spezifischen Interaktion zwischen Therapeut und Patient abhing und nur schwerlich replizierbar war.

Dazu begaben die Patienten sich nicht ohne Grund in die Hände eines Therapeuten. In der Regel hatten sie ein Anliegen, das sie quälte, bei dessen Bewältigung sie sich Hilfe wünschten, da sie allein nicht mehr weiter wussten. Dem einen fiel es leichter, diesen Schritt zu gehen, dem anderen fiel es schwerer.

Und schließlich war ein Patient, der im Wartezimmer seinem ersten Termin bei einem Psychotherapeuten entgegenblickte, kurz davor, einem völlig fremden Menschen sein Innerstes auszuschütten und über Themen zu sprechen, die ihm meistens nicht leicht von den Lippen gingen.

Auch Anna konnte die Aufregung nachvollziehen. Obwohl sie schon hunderte von Patienten behandelt hatte, war keine Therapie wie die andere gewesen, was es für sie daher zu einer so spannenden und abwechslungsreichen Arbeit machte. Sie war neugierig zu erfahren, mit wem sie – sofern die Verhaltenstherapie und Anna als Therapeutin für den Patienten geeignet waren – für die nächsten Monate oder sogar Jahre ihre Arbeitszeit verbringen würde. Und es war immer spannend zu beobachten, wie sich die Therapie und die Lebenssituation des Patienten in dieser Zeit veränderten.

Anna ging vor und zeigte ihrem neuen Patienten den Weg zum Sprechzimmer, blieb dann vor der Tür stehen, deutete mit ihrer Hand hinein und ließ ihn vorgehen.

„Nehmen Sie Platz, wo Sie mögen“, sagte sie mit Blick auf die beiden Therapiesessel.

Herr Dürenberg steuerte direkt auf den ersten Sessel zu, setzte sich und wartete, bis auch Anna sich ihm gegenüber – auf ihrem Lieblingsplatz am Fenster – hingesetzt hatte.

„Haben Sie gut hierher gefunden?“, fragte Anna, um die Situation mit ein bisschen Smalltalk aufzulockern. Die meisten Patienten erzählten auf diese Frage hin, ganz erleichtert darüber, erst einmal unverfänglich ins Gespräch zu kommen, von den Strapazen einen Parkplatz zu finden, dass sie eine extra Runde um den Block hatten drehen müssen, weil sie sich in der Hausnummer vertan hatten, oder dass sie sich ganz schön hatten beeilen müssen, um pünktlich zum Termin zu erscheinen, weil der Bus Verspätung hatte oder sie im Verkehr stecken geblieben waren. Damit war der Start in ein erstes Gespräch meistens recht unkompliziert gelungen.

Auch Herr Dürenberg berichtete, die Adresse vorher gegoogelt zu haben, um sicher zu gehen, wo er denn parken könne, und wie lange er wohl für die Anfahrt brauche.

„Sie haben sich für eine ambulante Psychotherapie angemeldet. Was war der Grund dafür?“, leitete Anna nun auf den eigentlichen Inhalt der Sitzung über. „Ist es ok, wenn ich mir ein paar Notizen mache?“

„Natürlich“, antwortete Herr Dürenberg und begann zu erzählen.

 

Weiter zu Kapitel #3

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