Projekt Höhenangst #11

Frau Lambert stand ihrer Familie ambivalent gegenüber, und sie hatte in der Therapie sehr ausführlich über ihre Familiengeschichte berichtet. Zwar liebte sie ihre Eltern und ihre Schwester heiß und innig, aber die Beziehungen waren nicht frei von emotionalen Verstrickungen.

Herbert, dreiundsechzig, war schon länger berentet. Er selbst kam aus einfachen Verhältnissen, hatte sein Leben lang körperlich gearbeitet und im Lager für das Wohl der Familie geschuftet. Mit den Jahren litt sein Körper unter der Belastung, besonders sein Rücken und seine Gelenke, und auch sein Herz machte es ihm schwer, mit dem in der Firma geforderten Arbeitstempo Schritt zu halten.

Der Hausarzt der Familie hatte jahrzehntelang größere und kleinere Wehwehchen behandelt, Spritzen gegeben, Pillen und Kuren verschrieben. Aber irgendwann hatte er knallhart verlauten lassen, dass es so nicht weitergehe, wenn Herbert die Radieschen noch nicht allzu bald von unten betrachten wolle. Also wurde er frühberentet.

Ursula, genannt Ursel, war grade sechzig Jahre alt geworden und seit frühester Jugend mit ihrem Herbert zusammen. Sie hatten schnell geheiratet, wie das früher eben so war, damit man auch zusammen wohnen durfte. Und es hatte nicht lange gedauert, bis der erste Nachwuchs sich anmeldete.

Bianca, inzwischen achtunddreißig, war die erste Tochter von Herbert und Ursel. Auch wenn ihre Eltern sich über den Familienzuwachs freuten, stellte es eine große Herausforderung für sie dar, nun drei hungrige Mäuler zu stopfen.

Herbert hatte seitens seiner Eltern nie eine Ausbildung machen dürfen und direkt nach der Schule anfangen müssen zu arbeiten, um Geld nach Hause zu bringen. So blieb er immer nur der kleine Handlanger und verdiente nicht gerade ein Vermögen. Ursel trug zwar hier und da Zeitungen aus und verdiente sich ein paar Groschen dazu, aber hauptsächlich musste sie sich natürlich um Bianca und den Haushalt kümmern.

Zwei Jahre nach der ersten Tochter kam dann auch noch Annas Patientin zur Welt, und die Familie hatte es knapp. Aber Frau Lamberts Eltern kannten es so wiederum von ihren eigenen Eltern, und sie waren glücklich. Das Leben war eben kein Zuckerschlecken, wenn man nicht gerade mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, und das verlangte ja auch keiner.

Damit Ursel irgendwann wieder mehr arbeiten konnte, musste Bianca häufig auf ihre kleine Schwester aufpassen. Bianca fand das natürlich doof und hätte als junges Mädchen lieber mehr Zeit beim Spielen mit ihren Freundinnen verbracht als mit dem nervigen kleinen Quälgeist.

Manchmal nahm Ursel Bianca auch mit zur Arbeit, denn wenn die Tochter mit anpackte, waren die vielen Zeitungen und Putzjobs schneller bewältigt. Auch die Knochen der Mutter waren müde und freuten sich hier und da über Entlastung.

Nach der Grundschule besuchte Bianca eine Hauptschule und machte nach zehn Schuljahren ihren Abschluss. Heute stellte sie es gerne so dar, dass sie unter der ganzen Belastung, sich neben der Schule schon früh um die Schwester und ums Geldverdienen gekümmert haben zu müssen, keine Kapazitäten mehr für den Unterrichtsstoff und das Lernen gehabt habe, so dass ihre Noten und Leistungen gelitten hätten.

Insgeheim glaubte Frau Lambert allerdings, dass ihre Schwester schlichtweg nicht die nötige Intelligenz aufwies, um das Abitur zu machen und zu studieren. Natürlich sagte sie ihr das nicht, und trotzdem stellte es ein heikles Thema zwischen den beiden dar. Besonders, da sie sich nicht unterschiedlicher hätten entwickeln können.

Bianca hatte sich wie ihre Eltern früh verliebt und eine Familie gegründet. Die Ehe ging relativ schnell in die Brüche, es folgten die Scheidung und ein unschöner Sorgerechtsstreit um die beiden gemeinsamen Kinder. Nachdem Bianca gewonnen hatte, verlor ihr Ex-Mann das Interesse an den Kindern, kümmerte sich nicht mehr und zahlte den Unterhalt nur, wenn er gerichtlich dazu gezwungen wurde. Die Situation war zermürbend.

Aber Bianca kannte es nicht anders als ihre Pflicht zu tun, sich zu kümmern und Geld zu verdienen. Seit jeher arbeitete sie im Supermarkt an der Kasse und jonglierte ihren Job, ihre Kinder und den Haushalt alleine. Hätte sie nicht ihre eigene Kindheit für die kleine Schwester opfern müssen, wäre ihr das alles erspart geblieben, war ihr Credo.

Trotz ihrer Vermutung, dass Bianca Schule und Studium auch nicht geschafft hätte, ohne sich um sie kümmern zu müssen, plagten Frau Lambert Schuldgefühle. Sie selbst hatte es so viel besser gehabt als ihre große Schwester, einfach nur, weil sie die Kleine war, bei der die Eltern einmal alles richtig machen wollten. Sie sollte die Möglichkeiten haben, die bisher in der Familie niemand gehabt hatte. Auf ihren Schultern lagen große Hoffnungen.

Frau Lambert selbst musste während ihrer Schulzeit nicht nebenher arbeiten und konnte sich darauf konzentrieren, ein Kind zu sein. Das Lernen war ihr schon immer leicht gefallen, so dass sie das Gymnasium besuchte und gute Noten schrieb. So gute, dass sie später als Jahrgangsbeste ein Stipendium erhielt und anschließend als erste in der Familie studierte. Medizin sogar.

Mittlerweile hatte sie sich in ihrem Krankenhaus hochgearbeitet, stand kurz vor der Beförderung zur Oberärztin, veröffentlichte Ergebnisse aus den wissenschaftlichen Studien, die sie leitete, war Mitglied in zig Gremien und Ausschüssen, wurde als Keynote-Speaker zu Kongressen eingeladen und legte eine Bilderbuchkarriere hin.

Herbert hatte einmal im Scherz und nach ein paar Bierchen flapsig bemerkt, dass sowohl Frau Lambert als auch ihre Schwester beide in weißen Kitteln arbeiteten. Er machte allerdings keinen Hehl daraus, dass er nur Annas Patientin als Göttin in Weiß wahrnahm, als diejenige der beiden, die es endlich zu etwas gebracht hatte.

Sowohl Herbert als auch Ursel waren immerhin fair genug, um ihr wiederholt zu verdeutlichen, dass sie ihrer älteren Schwester für dieses Opfer auf ewig dankbar zu sein hatte. Bianca dachte das ja sowieso.

Und dann kam Max.

Frau Lamberts Eltern waren natürlich stolz auf ihre Tochter, auf ihre beruflichen Erfolge, und dass sie so viel Geld verdiente. Dennoch glaubten sie, dass es für eine junge Frau wichtig sei, einen Mann zu finden, der sie versorgen könne. Max übertraf dabei alle ihre Erwartungen.

Er stammte aus einer deutlich höheren Gesellschaftsschicht, und seine Familie besaß Geld und Ansehen. Er war gebildet, sah gut aus, war höflich und charmant und brachte jedes Schwiegerelternherz zum Schmelzen.

Es war egal, wie oft Frau Lambert versuchte, ihren Eltern zu erklären, dass sie finanziell eigenständig und auf das Geld eines Mannes nicht angewiesen war. Denn in deren Augen war Max der edle Retter, der ihrer Tochter ein sorgenfreies Leben ermöglichte, wie sie es selbst nie erleben durften.

Da es Max’ Eltern niemals in die Tüte gekommen wäre, dass einer ihrer Söhne nicht standesgemäß heiratete, ließen sie es sich nicht nehmen, ein rauschendes Fest springen zu lassen. Herbert und Ursel ließen sich angesichts der fehlenden finanziellen Mittel beinahe demütig auf den Zirkus ein und wähnten sich im siebten Himmel, dass sie nun zu den besseren Kreisen zählten. Bianca fand das albern, aber in ihrer Verbitterung hatte sie an fast allem etwas auszusetzen.

Nach den unvermeidlichen Kontakten der beiden Familien im Rahmen der Hochzeit ebbte das Interesse von Max’ Eltern an denen ihrer neuen Schwiegertochter bald wieder ab. Sie hatten ihre Pflicht ihrem Sohn gegenüber durch die Bezahlung der Hochzeit erfüllt, mehr wollten sie mit der neuen Verwandtschaft nicht zu tun haben. Dafür war sie dann doch nicht standesgemäß genug.

Herbert und Ursel gaben ihrer Tochter zu verstehen, dass sie mit Max einen Fang gemacht hatte, den sie sich nicht wieder entgehen lassen sollte. Bianca dachte genauso. Sie hätte sich ein Bein ausgerissen, um einen reichen Mann zu haben, der sie umsorgte und ihr ein sorgenfreies Leben bescherte.

Für die Patientin selbst war es nicht wichtig, dass sie und ihr Mann aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergründen stammten, denn sie legte auf solchen Tamtam keinen Wert. Sie liebten sich, und das war das Wichtigste.

Herbert und Ursel waren liebe Eltern und wollten nur das Beste für ihre Töchter. Als Frau Lambert jedoch erste Zweifel äußerte, ob ihre Ehe mit Max von Dauer sei, war das Verständnis für die Tochter vorbei.

Sie ließen keinen Zweifel daran offen, dass sie sich selbst und auch ihre Tochter, trotz der guten Bildung und der steilen Karriere, für minderwertig im Vergleich zu Max’ Familie hielten, und dass Frau Lambert froh sein könne, einen Mann aus so gutem Hause abbekommen zu haben. Vorübergehende Befindlichkeitsstörungen sahen sie nicht als Grund an, diese Chance auf ein besseres Leben wegzuschmeißen.

Trotz oder gerade wegen der emotional aufgeladenen Geschwisterbeziehung waren Frau Lambert und ihre Schwester immer enge Vertraute gewesen. Sie hatten ihre Differenzen, aber ihre Eltern hatten ihnen beigebracht, dass Familie wichtig sei, und dass man zusammenhalten müsse, egal, was kommt. Also taten sie das.

Doch bei Bianca fand Frau Lambert ebenfalls kein Gehör und kein Verständnis für ihre Nöte. In den Augen ihrer Familie hatte sie ein Luxusproblem, was keiner nachvollziehen konnte. Oder wollte. Denn das hätte ja in all’ der proletarischen Bescheidenheit die romantische Hoffnung auf ein besseres Leben kaputtgemacht.

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