Projekt Höhenangst #7

Nach einem Moment hatte die Patientin sich wieder beruhigt und schnäuzte sich die Nase. Mit geröteten Augen sagte sie: „Es tut gut, dass ich das hier alles mal herauslassen kann. Ich habe sonst nicht wirklich jemanden zum Reden.“ Ein gequältes Lächeln zog sich über ihre Lippen.

„Ja klar“, sagte Anna bestätigend. Es war ihr sehnlichster Wunsch, ihrer Patientin zu helfen, für sie da zu sein und am liebsten mit einem Fingerschnippen alle ihre Probleme in Luft aufzulösen, damit es ihr besser ging. Was natürlich nicht ging, und Anna war klar, dass die Probleme, wegen derer die Patientin zu ihr kam, wahrscheinlich noch länger bestehen und die Patientin belasten würden.

Umso erstaunter war sie oft, wenn sie dann sah, dass es schon ein bisschen half, dass sie einfach mal ihren Problemen, Gedanken und Gefühlen den nötigen Raum gab, um reflektiert und erlebt zu werden. Den Raum, den die Patienten in ihrem Alltag häufig gar nicht hatten.

„Das ist wirklich keine einfache Situation“, sagte sie validierend.

Frau Lambert schniefte zur Bestätigung.

„Was ist denn Ihr Wunsch, was wir nun tun sollen?“, fragte Anna. Der Wunsch der Patientin, dass der Mann ihr einmal zuhören solle, würde sehr wahrscheinlich vorerst unbefriedigt bleiben, nach dem zu urteilen, was sie heute gehört hatte. Darauf konnte Anna wenig Einfluss nehmen. Aber sie wollte wissen, was sich die Patientin nun wünschte, was in der Therapie mit diesem Thema geschehen solle.

Hatte Frau Lambert das einfach nur erzählen wollen, um ihren Frust abzuladen? Oder hatte sie einen konkreten Auftrag an Anna?

Offenbar wusste die Patientin es selbst nicht auf Anhieb, denn sie stierte einen Moment lang ins Leere. Dann begann sie: „Tja, ich weiß auch nicht so ganz… Ich habe das Gefühl, ich habe mich in letzter Zeit so abgemüht, um mit ihm zu reden, aber es bringt einfach nichts, außer, dass ich mir noch dümmer vorkomme als sowieso schon. Ich habe auch den Eindruck, dass ich noch keine klare Entscheidung treffen kann, ob ich mich nun trennen soll oder nicht. Und mir ist grade im Gespräch mit Ihnen nochmal bewusst geworden, wie allein ich mit dem Thema bin, obwohl ich Freundinnen habe und meine Familie.“

Anna hob überrascht die Augenbrauen. „Was bedeutet das konkret für Sie?“

„Nun, ich habe grade das Gefühl, dass ich meine Aufmerksamkeit vielleicht erst einmal von Max wegbewegen und zu anderen Menschen hinbewegen sollte, mit denen ich mich darüber austauschen kann.“ Obwohl Frau Lambert soeben eine Aussage getätigt hatte, schaute sie Anna mit fragendem Blick an, als suchte sie nach Bestätigung, ob ihr Gedanke richtig war.

„Was würde es denn für Sie verändern, wenn Sie sich mit Ihren Freundinnen oder Ihrer Familie austauschen könnten?“

„Also, ich denke, ich würde mich einfach nicht mehr so fürchterlich allein fühlen. Und wenn ich vielleicht wüsste, dass die zu mir halten und mich unterstützen, wenn ich erst einmal wieder Single bin, dann könnte ich mich leichter trennen. Wenn ich dann immer noch Menschen hätte, zu denen ich gehen kann, und die vielleicht für mich da sind.“ Das klang durchaus logisch und funktional, aber auch, als bereitete die Patientin sich innerlich bereits eher auf eine Trennung vor als auf ein Zusammenbleiben mit ihrem Ehemann.

„Sie sprachen grade von Freundinnen und Familie“, griff Anna die Überlegung der Patientin ressourcenorientiert auf. „Mit wem von denen könnten Sie sich denn vorstellen, über Ihre Ehesituation zu sprechen?“

Neuen Mutes überlegte die Patientin laut: „Hm, ja, ich habe immer noch meine alte Mädels-Clique aus dem Studium. Die sehe ich regelmäßig, wenn eine Geburtstag hat, oder wenn es sonst etwas zu feiern gibt. Letztens waren wir noch bei Katja, sie und ihr Dirk haben sich ein Haus gekauft und Einweihung gefeiert…“

Als Anna merkte, dass Frau Lambert dabei war, thematisch abzudriften, hakte sie ein: „Und gibt es in dem Freundeskreis eine Bestimmte, mit der Sie sich mal treffen und reden könnten?“

„Theoretisch ja, aber praktisch sehen wir uns quasi immer in der Gruppe und quatschen mit allen. Das finde ich auch ganz gut so, dann bekommt man direkt verschiedene Sichtweisen von allen geliefert. Nächste Woche feiert Kerstin Geburtstag, dann treffen wir uns sowieso alle bei ihr. Da könnte ich mich mit denen mal zwischendurch zurückziehen, während die Männer sich um den Grill kümmern, und das mit denen ansprechen.“

Frau Lamberts Stimmung hob sich sichtlich, als sie sich offenbar in ihrer Fantasie bereits das Treffen mit ihren Freundinnen ausmalte. Zum ersten Mal in der heutigen Sitzung zeichnete sich ein richtiges Lächeln auf ihrem Gesicht ab.

Erfreut darüber, eine brauchbare Ressource im Leben ihrer Patientin gefunden zu haben, strahlte Anna zurück und lobte: „Super, Frau Lambert! Das hört sich ja richtig toll an! Das freut mich für Sie!“

Für die Patientin stellte es einen doppelten Erfolg dar, dass sie einerseits einen Ansatzpunkt gefunden hatte, an dem sie weiter arbeiten und eventuell einen Fortschritt erzielen konnte, und andererseits, dass sie dafür auch noch von ihrer Therapeutin ein Lob bekam.

Anna hatte in vorherigen, gemeinsamen Gesprächen bereits in Erfahrung gebracht, dass es im Tonfall auf der Station für Innere Medizin, auf der Frau Lambert als Assistenzärztin arbeitete, eher schroff zuging. Die Abwesenheit einer scharfzüngigen Bemerkung oder eines motzigen Zurechtweisens durch den Oberarzt bedeutete schon beinahe ein Lob. Und zuhause mit ihrem Mann hatte es offenbar schon länger keinen liebevollen Umgang mehr miteinander gegeben.

Insofern war es sowohl für Frau Lambert als auch für Anna ein positiver Abschluss ihres Gesprächs, und dazu ein hoffnungsvoller.

Weiter zu Kapitel #8!

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